Sozial- und Erziehungsberufe

"Es bringt nichts, nur zu Hause rumzusitzen"

"Es bringt nichts, nur zu Hause rumzusitzen"

Ohne Susanne Hickmann und ihre Kolleg*innen könnten viele Mitarbeiter*innen des Krankenhauses nicht arbeiten: Die Erzieher*innen der Betriebskita des Uniklinikums Essen sorgen dafür, dass die Kinder der Beschäftigten betreut werden. Und zwar an allen Werktagen im Jahr, von 6 bis 19 Uhr. "Wir sind immer da", betont Susanne. "Auch im Zeichen der Corona-Pandemie haben wir die ganze Zeit gearbeitet." Doch Systemrelevanz hin oder her: "Unsere Arbeit wird nicht honoriert", stellt die 53-Jährige fest. Finanziell nicht. Und auch sonst nicht. "Als Betriebskita stehen wir im Klinikum nicht gerade im Fokus", sagt Susanne. Der ärztliche Direktor würdige in seinen Videobotschaften viele Berufsgruppen, doch die Erzieherinnen und Erzieher habe er noch nie erwähnt.

Am Uniklinikum haben Personalrat und Vertrauensleute eine Unterschriftensammlung für eine sogenannte Corona-Prämie gestartet. "Nicht nur für die Pflegeberufe, sondern für alle Beschäftigten in den Krankenhäusern, ob Reinigungskraft oder Transportfahrer", betont die Gewerkschafterin. Wegen der besonderen Arbeitsbelastung während der Pandemie erhalten Beschäftigte in der Altenpflege einen Bonus von bis zu 1.500 Euro. "Das wollen wir auch", bekräftigt die Erzieherin. "Denn das war und ist eine besondere Situation für uns alle." Während die meisten Menschen aus Sicherheitsgründen zu Hause blieben, arbeiteten die Erzieherinnen und Erzieher weiter – und setzten sich damit einem Risiko aus. Zumal gerade Kinder die Hygiene- und Abstandsregelungen oft schwer einhalten können. Hinzu kommt in der Betriebskita: "Da die Eltern im Klinikum arbeiten, sind wir ohnehin einem höheren Krankheitsrisiko ausgesetzt", sagt Susanne. Der Personaldruck auf den Stationen sei so groß, dass Eltern auch kränkliche Kinder in die Kita brächten. Der Gesundheitsschutz müsste deshalb eigentlich grundsätzlich eine viel größere Rolle spielen, fügt sie hinzu.

Die 53-Jährige ist von Herzen gerne Erzieherin. Schon in der Schule wusste sie, dass sie im Kindergarten arbeiten möchte. "Kinder auf ihrem Weg ein Stück zu begleiten und zu unterstützen, macht einfach Spaß. "Nur mit den Bedingungen ist sie nicht zufrieden. Doch für Susanne steht fest: »Wenn man etwas verändern will, muss man etwas machen." Und das tut sie. Direkt nach der Ausbildung trat sie bei ver.di ein, das war für sie keine Frage. "Ich bin mit Gewerkschaft groß geworden.« Ihr Vater war aktiver Gewerkschafter. Ihr Mann ist es ebenfalls. Sie selbst feierte vor einiger Zeit ihr 25-jähriges Jubiläum.
Richtig aktiv wurde Susanne beim großen Streik im öffentlichen Dienst 2006 – und blieb es. Inzwischen ist sie unter anderem ver.di-Vertrauensfrau. »Ich bin da so reingerutscht", berichtet sie lachend. Immer wieder erklärt Susanne ihren Kolleg*innen, warum Gewerkschaft wichtig ist. Sie sagt: »Es bringt nichts, nur zu Hause rumzusitzen und abzuwarten." Inzwischen seien rund 50 Prozent der Kolleg*innen in der Kita bei ver.di. "Persönliche Ansprache ist das Wichtigste."
Gemeinsam sind sie stark: Das haben die Beschäftigten der Uniklinik zuletzt 2017 gezeigt. Susanne und viele Kolleg*innen streikten 34 Tage lang – und setzten so einen Tarifvertrag für mehr Personal und Entlastung durch. "Wenn alle da wären, würde es super funktionieren. Aber wann ist das der Fall? Nie!" Weil es in der Kita keinen Springerpool gebe, werde das Personal bei Krankheit und Urlaub knapp. Deshalb macht die Erzieherin weiter Druck. Für mehr Personal. Für mehr Wertschätzung. Und für mehr Geld. Jetzt in der Corona-Pandemie – und immer.