Sozial- und Erziehungsberufe

Sozialarbeiterin beim Jugendamt Frankfurt am Main (anonym)

Sozialarbeiterin beim Jugendamt Frankfurt am Main (anonym)

April 2020

„Etwa die Hälfte meiner Arbeitszeit als Sozialarbeiterin im Kinder- und Jugendhilfesozialdienst (KJS) verbringe ich im unmittelbaren Kontakt mit Menschen. Ich kümmere mich um Belange wie familiengerichtliche Verfahren, Umgangsrechtsfragen, Hilfeplanverfahren und Kinderschutz. Darüber hinaus führe ich viele Beratungsgespräche oder mache Hausbesuche bei den einzelnen Familien.

Die Corona-Pandemie hat meine Arbeit total verändert. Der direkte Kontakt mit den Klient*innen wurde auf das Nötigste herunter gefahren. Nun bearbeite ich vor allem Fälle, in denen es um den Kinderschutz geht. Für diese Begegnungen bekomme ich oberflächliche Schutzausrüstung vom Arbeitgeber gestellt. Aber ich muss auch sagen, dass es meine Arbeit schon behindert, wenn ich bei dem ersten Treffen mit einem verängstigten Kind Handschuhe und eine Gesichtsmaske trage. Denn es ist nicht leicht, Vertrauen und Kontakt aufzubauen, wenn das Kind mich hinter der Maske kaum sehen kann. Und so balancieren meine Kolleg*innen und ich permanent zwischen Eigenschutz und Kinderschutz.

Den Kinderschutz müssen wir unbedingt sicherstellen. Deswegen muss ich arbeiten. Das finde ich extrem wichtig. Doch von der Politik wird meine Berufsgruppe nicht als systemrelevant eingestuft. Das bedeutet, dass wir unsere eigenen Kinder tagsüber nicht in die Notbetreuung von Kindergärten und Schulen geben können. Das führt dazu, dass wir beim Jugendamt mit einem reduzierten Team arbeiten. Wir haben sowieso offene Stellen und wir haben jetzt erfahren, dass uns darüber hinaus noch ca. 37 geplante Stellen fehlen. Ich wünsche mir, dass die Politik hier endlich für Abhilfe sorgt und die Kinder von Beschäftigten aus dem Bereich der Sozialen Arbeit besser versorgt werden.

"Immer mehr Wohngruppen haben inzwischen einen Aufnahmestopp veranlasst. Für mich als Sozialarbeiterin bedeutet das, dass ich betroffenen Familien, Kindern und Jugendlichen zunehmend weniger Perspektiven aufzeigen kann. Das ist schon belastend.“

Sozialarbeiterin beim Jugendamt Frankfurt am Main (anonym)

Sollte sich die Situation in der Corona-Krise noch weiter verschärfen, befürchte ich, dass die Plätze für Inobhutnahmen zum Kinderschutz langsam zur Neige gehen werden. Denn viele ambulante Hilfsangebote bieten schon jetzt nur noch eine telefonische Hilfe an. Das heißt, dass Kinder, die Zuhause keinen Schutz mehr haben, oder Jugendliche, die Unterstützung benötigen, nicht mehr gesehen werden. Was ist mit den Eltern, die mit der Erziehung nun ganz auf sich allein gestellt sind und es nicht schaffen, auf das seelische und körperliche Wohl ihrer Kinder zu achten?  Immer mehr Wohngruppen haben inzwischen einen Aufnahmestopp veranlasst. Für mich als Sozialarbeiterin bedeutet das, dass ich betroffenen Familien, Kindern und Jugendlichen zunehmend weniger Perspektiven aufzeigen kann. Das ist schon belastend.“

Hilf mit, die Bedingungen für Soziale Arbeit abzusichern und zu verbessern

Immer unverzichtbar!
© ver.di