Sozial- und Erziehungsberufe

Sozialarbeiterin in einer Flüchtlingsunterkunft (anonym)

Sozialarbeiterin in einer Flüchtlingsunterkunft (anonym)

April 2020

„Ich bin bei einem kirchlichen Träger angestellt, um als Sozialarbeiterin in einer städtischen Flüchtlingsunterkunft in Bayern zu arbeiten. Mein Büro liegt direkt in der Unterkunft. Das heißt, wir haben sehr engen Kontakt zu den Menschen und betreuen sie bei Fragen in allen Lebenslagen. Vom Asylrecht, zur Vermittlung von Deutsch-Kursen oder Ausbildungsplätzen, bis hin zur Vereinbarung von Arztterminen und vielem mehr.

Dass unser Büro seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie weiterhin geöffnet ist, finde ich absolut notwendig. Denn die Bewohner*innen sind stark verunsichert und haben Angst. Es ist also ein gewisses Zeichen von Normalität, dass wir weiterhin als Ansprechpartner*innen vor Ort sind. Zur Zeit leisten wir sehr viel Aufklärungsarbeit in Bezug auf COVID-19. Zusätzlich kommen die Bewohner*innen auch verstärkt mit Fragen auf uns zu, die sonst von anderen Regeldiensten bearbeitet werden. Doch diese Beratungsangebote haben weitestgehend den direkten Kontakt eingestellt und sind nur noch telefonisch oder per Mail erreichbar. Wir sind eine der letzten offenen Beratungsstellen, das ist schon ein eigenartiges Gefühl.

"Derzeit müssen meine Kolleg*innen und ich sehr viele Entscheidungen vor Ort selbst treffen. Das ist extrem belastend und hinterlässt oft das Gefühl, im Blindflug unterwegs zu sein"

Sozialarbeiterin in einer Flüchtlingsunterkunft (anonym)

In unserer Unterkunft wohnen viele ältere und körperlich wie psychisch vorbelastete Menschen. Um diese Personen mache ich mir Sorgen. Denn in Gemeinschaftsunterkünften wie unserer ist es fast unmöglich, sich zu isolieren und die nötige soziale Distanz zu wahren. Meine größte Angst ist, dass ich mich woanders mit Corona anstecke und den Virus in die Einrichtung trage. Dieser Gedanke raubt mir nachts manchmal den Schlaf. Als Konsequenz treffe ich mich privat mit niemandem mehr. Denn Schutzausrüstungen sind derzeit ja äußerst schwierig zu beschaffen. Wir haben Handschuhe und Desinfektionsmittel bekommen. Um Gesichtsmasken für uns und einen Spuckschutz für den Schreibtisch bemüht sich unser Arbeitgeber derzeit noch immer.
Was meine Arbeit sehr erleichtern würde, wären Gesichtsmasken für wirklich alle Bewohner*innen. Denn das würde zu einer Beruhigung der allgemeinen Unsicherheit beitragen. Außerdem bräuchte es einen klar kommunizierten Pandemie-Plan von der örtlichen Politik, wie man die Bewohner*innen und auch die Beschäftigten schützen kann. Derzeit müssen meine Kolleg*innen und ich sehr viele Entscheidungen vor Ort selbst treffen. Das ist extrem belastend und hinterlässt oft das Gefühl, im Blindflug unterwegs zu sein.

Von der Bundespolitik wünsche ich mir zudem die Zusage, dass die Refinanzierung auch für alle Einrichtungen im Bereich der Sozialen Arbeit gesichert ist.“

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