Sozial- und Erziehungsberufe

Jessica Enders, 34, Assistenzkraft für Menschen mit Behinderungen

Jessica Enders, 34, Assistenzkraft für Menschen mit Behinderungen

April 2020

„Ich arbeite beim Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter (fab e.V.) in Kassel. Und das sagt schon sehr viel über meine Aufgaben als Assistenzkraft aus. Ein Bereich ist zum Beispiel die Schulbegleitung für Kinder mit Behinderung. Das funktioniert entweder als Eins-zu-Eins-Betreuung oder aber in einer Zwei-zu-Eins-Betreuung, wenn zwei Kinder die gleiche Schulklasse besuchen. Wie diese Unterstützung genau organisiert ist, kommt natürlich immer ganz auf den jeweiligen Bedarf der Kinder an.

Seit die Schulen aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen sind, findet diese Assistenz nicht mehr statt. Denn die Kinder gehen ja nicht mehr in die Schule. Eine Assistenz einfach in die privaten Haushalte der Kinder zu verlegen, geht nicht. Da stellen sich Versicherungs- und Haftungsfragen für meinen Arbeitgeber. Die Eltern der Kinder müssten für so eine Assistenz im häuslichen Umfeld einen ganz neuen Antrag beim Amt stellen. Hinzu kommt natürlich auch, dass die Frage einer möglichen Ansteckung mit Covid-19 im Raum steht und wir nur mit entsprechender Schutzkleidung arbeiten könnten. Die gibt es derzeit für uns ohnehin nicht.

"Hier gehen alle an ihre Grenzen, um die Menschen bestmöglich zu versorgen. Das sollte von den politisch Verantwortlichen und in der Öffentlichkeit stärker anerkannt werden.“

Jessica Enders, 34, Assistenzkraft für Menschen mit Behinderungen

Für die Eltern und Kinder ist diese Situation eine Belastung. Alle Kinder haben Lernaufträge mit nach Hause bekommen. Doch besonders für Kinder, die eine klare Struktur gewohnt sind (z.B. Autisten), ist es schwierig, diese Aufträge ohne die Assistenz-Unterstützung zu erledigen. Denn Schule und Zuhause gehören normalerweise nicht zusammen. Für die Eltern ist es dann nicht leicht zu vermitteln, dass das Lernen nun zu Hause stattfinden soll.
Und für uns als Beschäftigte bedeutet die derzeitige Situation, dass wir ebenso wie die Kinder zu Hause sitzen. Allerdings ohne Aufgabe und in Kurzarbeit. Unser Arbeitgeber stockt die 60 Prozent Kurzarbeitergeld zwar auf 80 Prozent auf, doch natürlich haben wir trotzdem Einkommenseinbußen. Leistungen, die nicht erbracht werden, kann mein Arbeitgeber nicht abrechnen. Und das, obwohl das Budget für das gesamte Schuljahr schon bewilligt wurde. Das Geld ist da, aber mein Arbeitgeber bekommt es nicht. Sozialamt und Jugendamt im Kreis Kassel verweigern die Refinanzierung. Das muss die Politik zügig ändern. Denn andere Landkreise in Hessen refinanzieren schon. Das zeigt: Es geht!“

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