Sozial- und Erziehungsberufe

Martin Auerbach

Martin Auerbach, 43, Jugend- und Heimerzieher, Stiftung Jugendhilfe aktiv Region Esslingen

April 2020


„Wenn Kinder oder minderjährige Jugendliche in einer Krise stecken und das familiäre Zusammenleben nicht mehr funktioniert, komme ich ins Spiel. Denn ich bin bei der gemeinnützigen kirchlichen Stiftung, Mitglied der Diakonie Württemberg, für Inobhutnahmen zuständig. Der Soziale Dienst oder die Polizei rufen bei uns an, wenn ein junger Mensch nicht mehr in seiner Familie bleiben kann. Ich kümmere mich dann darum, dass die Kinder oder Jugendlichen für bis zu vier Wochen in einer Wohngruppe unterkommen. Während dieser Zeit führe ich Gespräche mit den jungen Menschen selbst, mit ihren Eltern, mit dem Sozialamt und der betreuenden Einrichtung. Gemeinsam mit allen Akteuren werden Perspektiven für die Zeit nach der Inobhutnahme entwickelt. Normalerweise verbringe ich etwa die Hälfte meiner Arbeitszeit im Büro und den Rest im direkten Kontakt mit den jungen Menschen.

Durch den Ausbruch der Corona-Pandemie ist dieser direkte Kontakt fast komplett weggebrochen. Ich arbeite nun im Home Office, bearbeite vieles per Email und betreue tagsüber das Krisentelefon. In meinem Job ist der Hang zur Selbstausbeutung ohnehin groß, doch im Home Office muss ich besonders aufpassen. Im Büro habe ich z.B. ein großes White Board, auf dem ich einen Plan mit allen Inobhutnahmen und den dazugehörigen Terminen führe. So eine Struktur habe ich zu Hause nicht, da muss ich mich sozusagen auf meine innere Leinwand verlassen, um nichts zu vergessen. Im Home Office beschäftigt mich also die Sorge, dass mir mal ein Termin durchrutschen könnte, auch nach Feierabend.

Die Wohngruppen, in die ich die Kinder und Jugendlichen vermittele, sind auch während der Corona-Pandemie geöffnet. Denn diese jungen Menschen können aus den unterschiedlichsten Gründen nicht nach Hause. Und wir können auch eine neue Inobhutnahme in Krisenzeiten nicht verschieben oder ablehnen. Denn ein gewalttätiger Haushalt bleibt ein gewalttätiger Haushalt. Für den Fall einer Ansteckung mit Covid-19 in einer unserer Wohngruppen wird eine Einrichtung für die Quarantäne vorbereitet. Bisher aber gibt es bei uns zum Glück noch keinen Corona-Fall.

Ich mache mir vielmehr Sorgen darum, dass wir den Kindern und Jugendlichen bald nicht mehr gerecht werden können, sollte diese Situation weiter anhalten. Denn viele Inobhutnahmen können derzeit nicht fristgerecht beendet werden. Wegen der Ansteckungsgefahr finden die üblichen Vorstellungsgespräche gerade nicht statt. Diese Vorstellungsgespräche aber sind notwendig, um eine Perspektive für die Zeit nach der Inobhutnahme zu entwickeln. Und so haben wir in der Krise viel Zufluß, aber wenige junge Menschen, die die Inobhutnahme wieder verlassen.“

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