Schwindende Kapazitäten für wachsende Ansprüche an Inklusion und Teilhabe. Was sich bei den Arbeitsbedingungen in der Behindertenhilfe ändern muss.

Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen

Bundesweit sind rund 500.000 Beschäftigte in der Behindertenhilfe tätig. Sie sorgen dafür, dass Menschen mit Beeinträchtigung selbstbestimmt leben können und Inklusion Wirklichkeit wird. In der Behindertenhilfe arbeiten Heilerziehungspfleger*innen, Sozialarbeiter*innen, Fachkräfte für Arbeits- und Berufsförderung, Erzieher*innen, Therapeut*innen, Heilpädagog*innen, Pflegefachkräfte, Assistenzkräfte uvm.. Sie unterstützen Menschen mit Beeinträchtigungen im Wohnbereich, bei der Arbeit, in Schulen und Kindertagesstätten, in der Familie und in der Freizeit. Sie arbeiten pädagogisch und leisten anspruchsvolle Beziehungsarbeit. Ihre Aufgaben sind häufig körperlich und psychisch belastend. Corona hat die Herausforderungen und Belastungen der Beschäftigten zusätzlich verschärft. Massive Personalausfälle sowie zusätzliche Anforderungen zum Schutz der Klient*innen haben in den letzten beiden Jahren dazu geführt, dass viele Beschäftigte an ihr Limit gegangen sind.

Während die Anforderungen an die Beschäftigten stetig steigen, wächst gleichzeitig mit der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) auch der Kostendruck. Denn mit dem BTHG sollen nicht nur die Anforderungen aus der UN-Behindertenrechtskonvention umgesetzt werden. Zugleich ist es das erklärte Ziel des Gesetzes, die Kostenentwicklung einzudämmen und die Ausgaben zu senken. Damit die unverzichtbare Arbeit in der Behindertenhilfe eine Zukunft hat, bedarf es dringend Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel, einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der finanziellen Anerkennung der Arbeit in der Behindertenhilfe. 

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Viele Beschäftigte fühlen sich überlastet

Infolge der Ökonomisierung seit den 1990er Jahren hat sich der Personalschlüssel in der Behindertenhilfe deutlich verschlechtert. Die Beschäftigten bemühen sich, dass die Qualität der Arbeit darunter nicht leidet. Aber ihnen rennt die Zeit davon.

In einer Befragung unter Beschäftigten in der Behindertenhilfe aus dem August 2021 haben nur 21 Prozent angegeben, dass sie genug Zeit haben, um auf Bedarfe und Anforderungen von Klient*innen eingehen zu können. Aufgrund des Personalmangels und der daraus folgenden hohen Arbeitsbelastung, sind über 48 Prozent der Befragten mit ihrer Arbeitssituation nicht zufrieden und denken darüber nach, ihren Job aufzugeben. 

Diese Situation spitzt sich durch die zunehmende Ambulantisierung im Rahmen des BTHG weiter zu. So berichten fast 80 Prozent der Befragten, dass die Anforderungen an ihre Arbeit infolge der Umsetzung des Gesetzes zugenommen haben. In den besonderen Wohnformen verbleiben oftmals jene Menschen mit einer Mehrfachdiagnostik die weniger fit sind und nicht allein leben können. Folglich wachsen die Anforderungen an die Beschäftigten, ohne dass sich dies bislang in der Personalausstattung ausreichend widerspiegelt.

Auch im ambulanten Bereich nimmt die Belastung zu, weil die Beschäftigten zunehmend mobil arbeiten und von einem Klienten zum Nächsten eilen. Die Koordinationsaufgaben nehmen zu, die Beschäftigten müssen Entscheidungen häufig allein treffen und sind in Notsituationen auf sich selbst gestellt. 

Belastend sind darüber hinaus auch die Arbeitszeiten in der Behindertenhilfe, insbesondere im Wohnbereich. Zu Schichtdiensten, Wochenendarbeit und geteilten Diensten kommt die Entgrenzung der Arbeitszeit durch das Einspringen aus dem Frei. Über die Hälfte der Befragten wird ab und zu oder regelmäßig aufgefordert, außerhalb des Dienstplans einzuspringen.

Infografik: Über 50% der Beschäftigten in Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung befürchten, ein Burnout zu erleiden.
© ver.di
Infografik: Knapp 40% der Befragten in einer Wohneinrichtung sagen, dass sich die aktuelle Betreuungsqualität negativ auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Bewohner*innen auswirkt.
© ver.di

Hohe Anforderungen, geringe Bezahlung

Für die vielfältigen und verantwortungsvollen Aufgaben der Beschäftigten fehlt die finanzielle Anerkennung. Nur knapp 23 Prozent der Befragten in der Behindertenhilfe halten ihr Gehalt für angemessen. Zum Vergleich: Laut des DGB-Index Gute Arbeit 2020 empfinden im Durchschnitt aller Beschäftigten rund 60 Prozent ihre Bezahlung als angemessen.

Personalmangel trifft auf Ausbildungsmisere

Bei diesen Bedingungen ist es nicht verwunderlich, dass freie Stellen zunehmend nicht besetzt werden können. Dies geht zu Lasten der Menschen mit Behinderung und auf die Gesundheit der Beschäftigten. 

Die Fachkräfte von Morgen sind die Auszubildenden von heute. Doch auch die Ausbildungsbedingungen lassen zu wünschen übrig. In der Behindertenhilfe werden viele Heilerziehungspflegerinnen und Heilerziehungspfleger ausgebildet. Da diese Ausbildung durch die Bundesländer organisiert ist, gibt es eine Vielzahl an unterschiedlichen Regelungen. Bundesweit einheitliche Ausbildungsstandards fehlen.

Auszubildende beklagen, dass sie in ihrem Praxisteil häufig nach einer kurzen Einarbeitung wie eine Vollkraft eingesetzt werden. Sie vermissen eine gute Praxisanleitung und fühlen sich ausgenutzt, weil sie für ihre Arbeit in der Regel keine oder nur eine geringe Vergütung erhalten. Einige Auszubildende müssen darüber hinaus noch Schulgeld bezahlen.

Mehr Inklusion braucht mehr Fachkräfte
© ver.di

Und so sollte es eigentlich sein

Die Arbeit in der Behindertenhilfe ist komplex und kann nur mit einem ganzheitlichen Ansatz erfolgreich sein. Die Aufspaltung in einfache und qualifizierte Tätigkeiten ist realitätsfern und zerstört die Grundlage für eine hohe Qualität der pädagogischen Arbeit. Nur mit ausreichend Zeit können die Beschäftigten ihren fachlichen Ansprüchen in der täglichen Arbeit gerecht werden.

Damit der Personalmangel in der Behindertenhilfe gestoppt wird, müssen Bezahlung und Arbeitsbedingungen attraktiv gestaltet werden. Nur dann können Beschäftigte ihren Beruf gesund bis zur Rente ausüben und wandern nicht in andere Bereiche ab. All jenen Beschäftigten, die Vollzeit arbeiten möchten, sollte dies auch möglich sein. Laut Befragung würden über 20 Prozent der Teilzeit-Beschäftigten ihre vertragliche Arbeitszeit gerne aufstocken, wenn sie ein entsprechendes Vertragsangebot erhalten würden. 

Darum geht es in der aktuellen Tarifrunde

Für die Beschäftigten im kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst verhandelt ver.di mit der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) deshalb über eine finanzielle Anerkennung der Berufe, bessere Arbeitsbedingungen und die Entlastung der Beschäftigten. In der Behindertenhilfe gehören dazu z.B. die Vergütung der praxisintegrierten Ausbildung zur Heilerziehungspflege oder der Anspruch aller Beschäftigten, die sich weiterqualifizieren möchten, einen Berufsabschluss zur Fachkraft erwerben zu können.  Damit Belastungssituationen Konsequenzen haben, fordert ver.di die Einführung von Entlastungstagen. Die genauen Forderungen für die Behindertenhilfe können hier nachgelesen werden.

Diese Tarifauseinandersetzung geht alle Beschäftigten in der Behindertenhilfe an. Denn der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) setzt den Standard weit über die Kommunen hinaus. Viele Beschäftigte bei anderen Trägern profitieren direkt oder mittelbar von den durch ver.di angestrebten Verbesserungen im TVöD. Egal, ob sie bei AWO, DRK, Caritas, Diakonie, der Lebenshilfe oder in privaten Betrieben beschäftigt sind. Für ver.di ist klar: Was wir im öffentlichen Dienst durchsetzen, muss bald auch in allen anderen Einrichtungen der Branche zur Anwendung kommen. Dafür streiten wir gemeinsam mit aktiven Belegschaften, auch nach dieser Tarifrunde.

ver.di ist die Gewerkschaft an Deiner Seite

ver.di mischt sich politisch ein und nimmt auf Gesetzgebungsprozesse Einfluss. So setzt ver.di sich auch auf berufspolitischer Ebene für die Verbesserung der Ausbildungssituation der Heilerziehungspfleger*innen (HEP) ein, um dem Personalmangel zu begegnen. Die Ausbildung muss attraktiv gestaltet werden und klare Perspektiven bieten, damit viele Menschen den Beruf wählen. Deshalb braucht die HEP-Ausbildung bundesweit einheitlich geregelte Standards: mit einer tariflichen Vergütung, ohne Schulgeld, einem Rahmenlehrplan und einer geplanten und strukturierten wie auch situativen Anleitung durch berufspädagogisch qualifizierte Praxisanleiter*innen.

Damit die Arbeitsbedingungen in den Betrieben im Interesse der Beschäftigten gestaltet und umgesetzt werden, arbeitet ver.di eng mit Personal- und Betriebsräten und Mitarbeitervertretungen zusammen, bietet Schulungen an, organisiert Austausch und Vernetzung (siehe www.behindertenhilfe.verdi.de). Zudem berät ver.di ihre Mitglieder auch individuell. Denn nur wer seine Rechte kennt, kann sie auch einfordern. 

In Tarifverträgen handelt ver.di nicht nur eine bessere Bezahlung, sondern auch mehr Urlaubstage, verschiedene Arbeitszeitmodelle und Sonderzahlungen aus. Damit möglichst alle Beschäftigten von den Tarifvorteilen profitieren, müssen mehr Betriebe tarifgebunden sind. Denn den Schutz des Tarifes haben alle Beschäftigten verdient, ganz egal bei welchem Träger sie angestellt sind. Doch eine höhere Tarifbindung können wir nur gemeinsam erreichen.

Deshalb ist es wichtig, dass sich die Beschäftigten in der Behindertenhilfe, den Teilhabe- und Inklusionsdiensten in ihrer Gewerkschaft ver.di organisieren und Mitglied werden.

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