Schwindende Kapazitäten für wachsende Ansprüche an Inklusion und Teilhabe. Was sich bei den Arbeitsbedingungen in der Behindertenhilfe ändern muss.

Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen

Am Morgen strömen Frauen und Männer in den Werkraum, sie plaudern ein paar Worte, verstauen ihre Rucksäcke und Brotdosen im Metallspind und machen sich an ihre Arbeit. In der Gruppe haben alle eine geistige Behinderung, bei vielen kommt ein körperliches Handicap hinzu. Die Fachkräfte müssen sich auf jeden individuell einstellen, ihre Möglichkeiten einschätzen und sie motivieren und fördern. Worin liegen ihre Stärken? Was sind Schwächen? Welche Ziele werden mit welchen Maßnahmen angestrebt und wie können sie gegebenenfalls für eine Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt vorbereitet werden?

Die Arbeit in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung ist nur ein Arbeitsfeld. Bundesweit sind rund 500.000 Beschäftigte in der Behindertenhilfe tätig. Sie unterstützen Menschen mit Beeinträchtigungen im Wohnbereich, bei der Arbeit, in Schulen und Kindertagesstätten, in der Familie und in der Freizeit. Sie arbeiten pädagogisch und leisten anspruchsvolle Beziehungsarbeit. Sie sorgen dafür, dass Menschen mit Beeinträchtigung selbstbestimmt leben können, dass Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe Wirklichkeit werden.

Dieses wichtige Berufsfeld ist leider gesellschaftlich wenig bekannt. Es mangelt an Wertschätzung und einer guten Bezahlung, obgleich die Anforderungen an die Beschäftigten gerade auch im Kontext des neuen Bundesteilhabegesetzes (BTHG) zunehmen.

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Viele Beschäftigte fühlen sich überlastet

Infolge der Ökonomisierung seit den 1990er Jahren hat sich der Personalschlüssel in der Behindertenhilfe verschlechtert. Ein Betriebsrat schildert die Veränderungen wie folgt: Anfang der 2000er lebten in der Wohneinrichtung jeweils sieben Menschen mit Behinderungen in insgesamt vier Gruppen zusammen. Neben der Hausleitung und vier Gruppenleitungen arbeiteten im Dienst sechs Fachkräfte und vier weitere Kräfte. Knapp 15 Jahre später sind für 21 Bewohner*innen zwei Fachkräfte und zwei weitere Kräfte zuständig. Die Beschäftigten bemühen sich, dass die Qualität der Arbeit darunter nicht leidet. Aber ihnen rennt die Zeit davon. Eine Befragung unter Beschäftigten in Wohnhäusern hat ergeben, dass sie sich häufig erschöpft fühlen, ihren Gesundheitszustand selbst als schlecht einschätzen und viele über Berufsaufgabe nachdenken.

Diese Situation spitzt sich durch die zunehmende Ambulantisierung weiter zu. Denn in den Wohnhäusern verbleiben jene Menschen, die weniger fit sind und nicht alleine oder in Wohngemeinschaften leben können. Folglich wachsen die Anforderungen, ohne dass sich dies bislang in der Personalausstattung widerspiegelt.

Und auch im ambulanten Bereich nimmt die Belastung zu, weil die Beschäftigten mobil arbeiten und von einem Klienten zum nächsten sprinten. Dadurch wird es immer schwieriger, ganzheitlich zu arbeiten und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Hinzu kommt, dass ambulant wie stationär Beschäftigte in Notsituationen zunehmend auf sich alleine gestellt sind. Angst vor verbalen oder körperlichen Übergriffen ist hier ein wichtiges Thema.

Belastend können zudem die Arbeitszeiten sein. Schichtdienst, Arbeit am Wochenende und in der Nacht, wie auch geteilte Dienste sind insbesondere im Wohn- und Freizeitbereich relativ üblich.

Infografik: Über 50% der Beschäftigten in Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung befürchten, ein Burnout zu erleiden.
© ver.di
Infografik: Knapp 40% der Befragten in einer Wohneinrichtung sagen, dass sich die aktuelle Betreuungsqualität negativ auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Bewohner*innen auswirkt.
© ver.di

Hohe Anforderungen, geringe Bezahlung

Die Anforderungen an die Beschäftigten sind vielfältig: Das Repertoire reicht von pädagogischer Arbeit, über komplexe Unterstützungsleistungen im Alltag bis hin zu pflegerischen Tätigkeiten. Darüber hinaus gewinnt mit der Inklusion die Kommunikation und Koordination z.B. mit Arbeitgebern auf dem ersten Arbeitsmarkt oder den Regelschulen an Bedeutung.

Die Anforderungen sind vielseitig und hoch, die Bezahlungen dagegen gering. Ab 01. März 2020 beträgt das Einstiegsgehalt einer Heilerziehungspflegerin im öffentlichen Dienst 2.892,66 Euro (TVöD/S8b), eine Gruppenleitung in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung verdient circa 100 Euro weniger (S7).

In kirchlichen Einrichtungen und bei anderen Wohlfahrtsverbänden und privaten Unternehmen fallen die Gehälter oftmals deutlich niedriger aus. So beginnt beispielsweise eine ausgebildete Heilerziehungspflegerin in einer Wohneinrichtung in Sachsen mit 1.900 Euro brutto Einstiegsgehalt. Da viele Arbeitgeber ihren Beschäftigten nur Teilzeitstellen anbieten, ist es trotz hoher Qualifikation oftmals schwierig, mit dem Verdienst seinen Lebensunterhalt zu sichern.

Es besteht die Befürchtung, dass mit dem Bundesteilhabegesetz (BTHG) der Kostendruck weiter zunimmt. Der Gesetzgeber will mit diesem Gesetz nämlich nicht nur die Anforderungen aus der UN-Behindertenrechtskonvention umsetzen. Zugleich ist es das erklärte Ziel des Gesetzes, die Kostenentwicklung einzudämmen und die Ausgaben zu senken. Da in der Behindertenhilfe kaum gesetzliche Vorgaben zur Personalausstattung bestehen, könnte in Zukunft der Anteil von Fachkräften weiter zurückgedrängt werden. Laienkräfte arbeiten nicht selten in der Tätigkeit von Heilerziehungspfleger*innen, werden aber wie Hilfskräfte bezahlt.

Personalmangel trifft auf Ausbildungsmisere

Betriebliche Interessenvertretungen alarmieren, dass freie Stellen zunehmend nicht besetzt werden könnten. Infolge schuftet das verbliebene Personal noch mehr und kompensiert so die unbesetzten Stellen. Dies geht zu Lasten der Menschen mit Behinderung und auf die Gesundheit der Beschäftigten. Überlastung und Gewalt nehmen zu. Spannungen treten verstärkt auf, weil es den Fachkräften an Zeit fehlt, sich intensiv mit den Menschen zu beschäftigten und sich im Team fachlich auszutauschen.

Die Fachkräfte von Morgen sind die Auszubildenden von heute. In der Behindertenhilfe sind dies vor allem Heilerziehungspflegerinnen und Heilerziehungspfleger. Aber auch für diese wird leider wenig getan. Die Ausbildung ist heute durch die Bundesländer organisiert und es gibt einen Wust an unterschiedlichen Regelungen. Auszubildende beklagen, dass sie in ihrem Praxisteil häufig nach einer kurzen Einarbeitung wie eine Vollkraft eingesetzt werden. Sie vermissen eine gute Praxisanleitung und fühlen sich ausgenutzt, weil sie für ihre Arbeit in der Regel keine oder nur eine geringe Vergütung erhalten. Einige Auszubildende müssen davon dann auch noch ihr Schulgeld und Materialien wie z.B. Fachbücher bezahlen. Dies macht es schwer, sich für einen Beruf zu entscheiden, den viele lieben.

Mehr Inklusion braucht mehr Fachkräfte
© ver.di

Und so sollte es eigentlich sein

Die Arbeit in der Behindertenhilfe ist komplex und kann nur mit einem ganzheitlichen Ansatz erfolgreich sein. Nur so können Menschen mit Behinderung individuell begleitet und unterstützt werden. Die Aufspaltung in einfache und qualifizierte Tätigkeiten ist realitätsfern und zerstört die Grundlage für eine hohe Qualität der pädagogischen Arbeit. Für diese Qualität ist auch mehr Zeit notwendig. Nur mit ausreichend Zeit können die Beschäftigten ihren fachlichen Ansprüchen in der täglichen Arbeit gerecht werden.

Es sind verschiedene Maßnahmen zu ergreifen, damit der Personalmangel in der Behindertenhilfe gestoppt wird. Bezahlung und Arbeitsbedingungen müssen attraktiv gestaltet werden, damit Beschäftigte gesund bis zur Rente ihren Beruf ausüben und nicht abwandern. Die Bezahlung muss wesentlich verbessert werden. Und all jenen Beschäftigten, die Vollzeit arbeiten möchten, sollte dies auch möglich sein.

 Das BTHG hat bei vielen (angehenden) Beschäftigten zu einer hohen Verunsicherung darüber geführt, wie sie in Zukunft arbeiten werden. Nehmen geteilte Dienste zu? Sind sie nur noch allein unterwegs? Wo ist ihr Arbeitsplatz? Werden Werkstätten verschwinden? Wie ändern sich die Anforderungen? Welche Rolle spielen pflegerische Qualifikationen? Es ist wichtig, Auszubildenden und Beschäftigten eine klare Perspektive zu bieten. Die Auswirkungen des BTHGs auf die Arbeitswelt sind bei der Umsetzungsbegleitung durch die Bundesregierung stärker in den Blick zu nehmen.

Die Verbesserung der Ausbildungssituation der Heilerziehungspfleger*innen ist deshalb eine wirksame Maßnahme, um dem Personalmangel zu begegnen. Die Ausbildung muss attraktiv gestaltet werden und klare Perspektiven bieten, damit viele Menschen den Beruf wählen. Deshalb braucht die HEP-Ausbildung bundesweit einheitlich geregelte Standards: mit einer tariflichen Vergütung, ohne Schulgeld, einem Rahmenlehrplan und einer geplanten und strukturierten wie auch situativen Anleitung durch berufspädagogisch qualifizierte Praxisanleiter*innen.

Was wir gemeinsam tun können

ver.di mischt sich politisch ein und nimmt auf Gesetzgebungsprozesse Einfluss. Ein wichtiges Thema ist derzeit die Umsetzung des BTHG und seine Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Damit Inklusion und Teilhabe gelingen, darf vordergründige Kostenersparnis nicht das Ziel sein. Wir brauchen eine ausreichende und bedarfsorientierte Finanzierung. Die UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen ist eine große Herausforderung. Beschäftigte in der Behindertenhilfe gestalten diesen Prozess Tag für Tag – sie setzen damit Menschenrechte um. Doch Menschenrechte gibt es nicht zum Nulltarif. Wir brauchen eine gute, am Bedarf orientierte Personalausstattung und eine hohe Fachkraftquote.

Damit die Arbeitsbedingungen im Interesse der Beschäftigten gestaltet und umgesetzt werden, arbeitet ver.di eng mit Personal- und Betriebsräten und Mitarbeitervertretungen zusammen, bietet Schulungen an, organisiert Austausch und Vernetzung (siehe www.behindertenhilfe.verdi.de). Zudem berät ver.di seine Mitglieder auch individuell. Denn nur wer seine Rechte kennt, kann sie auch einfordern. Bei ver.di prüfen Fachleute wichtige Dokumente, wie z.B. Arbeitsverträge und Zeugnisse. Und wenn alle Stricke reißen, greift der kostenlose Rechtsschutz in Arbeits- und Sozialgerichtsverfahren.

ver.di handelt in Tarifverträgen nicht nur eine bessere Bezahlung, sondern auch mehr Urlaubstage, verschiedene Arbeitszeitmodelle und Sonderzahlungen aus. Ein großes Ziel ist es, dass möglichst alle Beschäftigten von den Tarifvorteilen profitieren. Das geht nur, wenn mehr Betriebe tarifgebunden sind. Den Schutz des Tarifes haben alle Beschäftigten verdient, ganz egal ob sie bei einem Wohlfahrtsverband, einem kirchlichen, privaten oder öffentlichen Träger angestellt sind. Eine höhere Tarifbindung können wir nur gemeinsam erreichen.

Deshalb ist es wichtig, dass sich die Beschäftigten in der Behindertenhilfe in ihrer Gewerkschaft ver.di organisieren und Mitglied werden.

Was wir schon erreicht haben und wie es weitergeht

Die Aufwertungsrunde 2015 brachte wichtige Verbesserungen für die Behindertenhilfe. Seitdem sind die HEPs den Erzieher*innen gleichgestellt. Ein großer Erfolg, der längst überfällig war und nur durch die starke Beteiligung der Beschäftigten der Behindertenhilfe an den Tarifauseinandersetzungen erreicht werden konnte. Ein weiterer Etappensieg: Die Gruppenleitungen in Werkstätten für behinderte Menschen sind jetzt in der Entgeltgruppe S 7 statt nur S 5. ver.di kämpft weiter für die Gleichstellung mit den Erzieher*innen. Für die Zukunft ist es wichtig, die Sichtbarkeit der Behindertenhilfe zu stärken und das Berufsbild mehr Menschen bekannt zu machen. Zudem wollen wir die anstehenden Veränderungen durch das BTHG im Sinne Guter Arbeit mitgestalten. Erhöhte Anforderungen müssen sich auch in der Bezahlung widerspiegeln.

Für Kolleginnen und Kollegen, die in Einrichtungen eines kirchlichen Trägers oder eines Wohlfahrtsverbands beschäftigt sind, gelten andere, zum Teil erheblich nach unten abweichende Regelungen. Bei vielen freien Trägern hat ver.di in den letzten Jahren deutliche Verbesserungen erkämpfen können und den Abstand zum TVöD deutlich verringert. Im DRK-Reformtarifvertrag konnte ver.di 2016 gar die Eingruppierungsregelungen des TVöD 1:1 durchsetzen. Dieser Prozess wird weitergehen, bis auch die letzten Lücken geschlossen sind.

Um unseren Forderungen gerade in den Arbeitsfeldern der Behindertenhilfe noch mehr Nachdruck verleihen zu können, brauchen wir Dich als Mitglied!

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