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Aktuelles

Personalmangel, schlechte Bezahlung, Überlastung. Was sich bei den Arbeitsbedingungen in der Kita ändern muss.

Im Dauereinsatz für die Kleinen

Alle freuen sich schon auf den Kita-Ausflug. Alle? Nein, Mia weigert sich, Jacke und Gummistiefel anzuziehen. Ella will auch nicht mit rausgehen, sie fängt demonstrativ zu basteln an. Inzwischen hat Theo den kleinen Finn gehauen, und der weint bitterlich. Luisa hat eine spannende Frage und braucht dringend eine Antwort… Das ist nur ein kurzer Auszug aus dem Arbeitsalltag von Erzieher*innen, die mal Motivator*innen, mal Schlichter*in, mal Tröster*in, mal Helfer*in und vor allem Bildungsbegleiter*innen sein müssen. Natürlich kann das sehr erfüllend sein – aber es ist auch sehr anstrengend, besonders, wenn man nicht zwei oder drei, sondern gleich zehn oder sogar mehr Kinder begleiten, bilden und erziehen muss. Das kommt Ihnen bekannt vor? Personelle Unterbesetzung bzw. zu viele Kinder pro Fachkraft sind ein verbreitetes Problem in der deutschen Kita-Landschaft.

Es gibt starke regionale Unterschiede, weil die Betreuungsschlüssel in den jeweiligen Landes-Kita-Gesetzen variieren – Erzieher*innen in Ostdeutschland haben im Durchschnitt deutlich mehr Kinder zu betreuen als ihre Kolleg*innen im Westen. Generell lässt sich aber feststellen, dass alle bestehenden Regelungen unzureichend sind – wenn sie denn überhaupt eingehalten werden. Der Zwischenbericht von Bund und Ländern, der von der Jugend- und Familienministerkonferenz als Arbeitsgrundlage empfohlen wurde, sieht Fachkraft – Kind – Relationen (anders als beim Personalschlüssel werden darin Urlaub, Krankheit, Fortbildungszeiten berücksichtigt) von 1:2 für unter Einjährige, 1:3 für Kinder bis zum dritten Lebensjahr und 1:9 ab dem dritten Lebensjahr bis zum Schuleintritt vor. Diese werden heute nirgendwo erreicht. Die Folgen: Die Kolleg*innen haben zu wenig Zeit für die Kinder, machen keine oder verkürzte Pausen, es fehlt die Zeit für Vor- und Nachbereitung im Team, für Dokumentation und die Zusammenarbeit mit den Eltern oder im Sozialraum. Auch die Lärmbelastung steigt mit der Gruppengröße. All das führt zu massiver Überlastung des Personals und zu einem hohen Krankenstand, und schmälert die Aussicht, gesund das Rentenalter zu erreichen.

Gestiegene Anforderungen, schlechte Bezahlung

Gleichzeitig sind die Anforderungen an den Beruf und die Erwartungen der Eltern in den vergangenen Jahren extrem gestiegen und das vor dem Hintergrund der nicht ausreichenden Personalschlüssel. Zu viele Kinder werden von einer Fachkraft betreut. Zudem bleiben die Kinder immer länger in der Kita, manche bis zu zehn Stunden am Tag. Trotzdem sollen für alle Kinder, unabhängig von ihrem Hintergrund oder den Bedingungen in denen sie aufwachsen, auf ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnittene Bildungsangebote gemacht werden. Alltagssituationen wie Windeln wechseln und gemeinsame Mahlzeiten werden von den Kolleg*innen, neben der Durchführung von Projekten, als komplexe Bildungssituationen gestaltet.

So komplex und verantwortungsvoll dieser Beruf ist, so unbefriedigend ist die Bezahlung. Das Einstiegsgehalt beträgt 3 006 Euro brutto im Monat, nach fünf Jahren bekommen Erzieher*innen gerade mal 3 217 Euro – wenn sie nach Tarif (TVöD) bezahlt werden. Einige kommunale und einige freie Träger zahlen bereits etwas besser aber viele freie Träger liegen oft bis zu 20% darunter. Tatsächlich aber bekommen viele Kolleginnen und Kollegen noch weniger, weil sie in Teilzeit arbeiten, ob freiwillig oder nicht. Trotz flächendeckendem Fachkräftemangel gibt es vielerorts immer noch eine Befristungspraxis bei Arbeitsverträgen, die stärker ausgeprägt ist als in anderen Branchen. Bei diesen Lohnbedingungen in Großstädten eine Familie zu ernähren, ist nur schwer möglich und wer Jahrzehnte in Teilzeit arbeitet der*dem droht die Altersarmut

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Wachsender Bedarf trifft auf Fachkräftemangel

Seitdem auch Kinder unter drei Jahren einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz haben und die Ganztagsbetreuung an Grundschulen als politisches Ziel ausgegeben wurde, werden Erzieher*innen in stark zunehmender Zahl gebraucht. Immer mehr Eltern nehmen immer früher und länger einen Platz in Krippe, Kita oder Hort in Anspruch, oft verbunden mit einer veränderten Sicht auf die Einrichtungen. Nicht selten hat dabei die Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus der Perspektive der Eltern den Vorrang. Erzieher*innen werden einseitig als Dienstleister*innengesehen.

Dieser Wandel steht allerdings im krassen Gegensatz zur überkommenen Einschätzung des Erzieher*innenberufs, der häufig immer noch mit „einem bisschen Spielen, Vorlesen und Basteln“ gleichgesetzt wird. Kindertagesstätten sind heute Institutionen professioneller frühkindlicher Bildung. Der Beruf ist für die Fachkräfte Erwerbsgrundlage und Profession ein ganzes Erwerbsleben lang. Zu wenig wurde getan, um die Arbeitsbedingungen und die Einkommen den veränderten Voraussetzungen anzupassen. Daraus resultiert nicht nur die heutige Überlastungssituation der Kolleg*innen, sondern auch eine insgesamt verbesserungsbedürftige Attraktivität des Berufs, was zu echten Nachwuchsproblemen führt.

Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat bei der Berechnung des künftigen Ressourcenbedarfs in der frühkindlichen Bildung und Betreuung ermittelt, dass bis zum Jahr 2025 bis zu 1,2 Millionen Kitaplätze und über 300 000 Fachkräfte zusätzlich fehlen, wenn sich nicht grundlegend etwas ändert.

Die Ausbildung ist lang und finanziell unattraktiv

Darum hat ver.di die Bundesregierung aufgefordert eine umfassende Fachkräfteinitiative zu starten und die Ausbildungskapazitäten zu erhöhen. Dass viele Kitaleiter*innen schon jetzt über unbesetzte Stellen klagen, für die es keine Bewerber*innen gebe, liegt auch an der langen und finanziell unattraktiv gestalteten Ausbildung: Zukünftige Erzieher*innen lernen nach dem mittleren Schulabschluss in der Regel vier bis fünf Jahre lang. Sie absolvieren eine schulische Ausbildung zur Sozialassistenz oder Kinderpflege, danach eine meist dreijährige Fachschulausbildung.
Das Problem: Während der Ausbildung verdient man die meiste Zeit nichts, vielfach kostet sie sogar. Gut die Hälfte aller Fachschulen für Sozialpädagogik ist privat, dort ist oft Schulgeld zu zahlen. 700 Euro und mehr können es pro Schuljahr sein.

Kein Wunder, dass viele die Ausbildung nicht zu Ende bringen: 42 Prozent der zukünftigen Kinderpfleger*innen und 15 Prozent der Sozialassistent*innen schließen schon den ersten Teil nicht ab, an der Fachschule bleiben weitere acht Prozent auf der Strecke. An diesen Zahlen muss sich dringend etwas ändern! Die Ausbildungsbedingungen müssen besser werden.

Im Tarifbereich der Kommunen ist es ver.di bereits gelungen, die Kolleg*innen in sog. praxisintegrierten Ausbildung in den Tarifvertrag für Auszubildende zu integrieren. Das bedeutet, sie haben einen Rechtsanspruch auf Ausbildungsentgelt. Für die Lernenden in der klassischen Fachschulausbildung stehen entsprechende Regelungen noch aus.

Symbolbild zeigt ein verschmutztes Kindergesicht.
© ver.di

Und so sollte es eigentlich sein

Erzieher*innen sind qualifizierte Pädagoginnen und Pädagogen. Sie haben sich für ihren Beruf entschieden, weil Sie Erfüllung darin finden, mit viel Wissen, Einsatz und Begeisterung, die Kleinen in ihrer Entwicklung zu begleiten und zu unterstützen. Dass Ihnen das im Zweifel mehr bedeutet als Geld, ist ehrenwert, darf aber nicht zu Selbstausbeutung führen. Erzieher*innen erfüllen wichtige Aufgaben, sie tragen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei und kümmern sich um die zukünftige Generation. Es muss ein gesellschaftlicher Konsens darüber hergestellt und formuliert werden, welche Bedeutung frühkindliche Bildung hat – nämlich eine immens hohe, weil sie die Entfaltungsmöglichkeiten ein Leben lang beeinflusst. Und dann müssen die Konsequenzen daraus gezogen werden: eine höhere Wertschätzung, bessere Personalausstattung für die Kolleg*innen, höhere Entgelte, die das gewachsene Anforderungsprofil abbilden, und mehr Aufstiegs- und Spezialisierungsmöglichkeiten, etwa in Richtung Sprachförderung, Inklusion und Beratung.
Im Sinne der Nachwuchsgewinnung sollte die Ausbildung besser gestaltet werden. Soziale Berufe müssen insgesamt aufgewertet werden und es gilt, Schule und Praxis besser zu verzahnen. Nicht zuletzt sollte es selbstverständlicher werden, dass auch Männer den Beruf erlernen. Inspirierend könnte ein Blick nach Frankreich und Schweden wirken: Dort ist die öffentliche Kinderbetreuung sehr gut ausgebaut, die Erzieher*innen sind exzellent ausgebildet und werden auch entsprechend bezahlt: Ihr Gehalt orientiert sich an dem von Lehrer*innen.

Was jetzt zu tun ist

Die deutsche Wirtschaft ist stark wie lange nicht. Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherung verzeichnen deutlich gestiegene Steuereinnahmen. Dies muss sich endlich auch in höheren Entgelten und besseren Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten in Krippen, Kitas und Horten bzw. Schulen niederschlagen! Denn Geld ist genug da!

Die aktuellen Zahlen zum künftigen Bedarf und die Anforderungen an gute Arbeitsbedingungen machen heute schon deutlich, dass jährlich einige Milliarden mehr gebraucht werden.

Höchste Priorität hat die Schaffung guter Arbeitsbedingungen. Das bedeutet vor allem, den Personalmangel zu beheben. Es müssen Ausbildungskapazitäten ausgebaut und Kolleginnen und Kollegen eingestellt werden, auf Wunsch Vollzeit und mit unbefristeten Arbeitsverträgen.

Außerdem brauchen wir einen verbindlichen und gleichen Betreuungsschlüssel für alle Bundesländer. Wir brauchen bundesweit einheitliche Standards! Es kann nicht sein, dass die Bedingungen regional so unterschiedlich und letztendlich von der Finanzkraft der Region abhängig sind – weder für die Kinder noch für die Kolleg*innen. Denn die Qualität von Bildungsangeboten darf nicht vom Wohnort abhängen!

Was ver.di gemeinsam mit den Mitgliedern tun kann

ver.di arbeitet auf politischer Ebene an der Verbesserung des Betreuungsschlüssels und macht den Parteien Druck in Sachen Arbeits- und Gesundheitsschutz von Erzieher*innen. Wir haben Forderungen zu den gebotenen Rahmenbedingungen als Grundlage für gute Arbeit formuliert. Aktuell haben wir zum „Gute Kita Gesetz“ der Bundesregierung umfangreiche Kritik formuliert und arbeiten in einem breiten Bündnis an Nachbesserungen.



Wir geben Broschüren zum Thema heraus („Verwirklichung von Kinderrechten“ steht im ver.di-Mitgliedernetz als Download zur Verfügung) und veranstalten gewerkschaftspolitische Seminare für die Beschäftigten (z. B. Sozial- und Erziehungsdienst vom 14.–16. November 2018 in Berlin).

ver.di setzt sich ein für die Entwicklung einer deutschlandweiten einheitlichen Ausbildung zur Erzieher*in bei Erhalt des DQR Level 6, mit Ausbildungsvertrag, Ausbildungsvergütung, Schulgeldfreiheit, geprüften Ausbilder*innen, Recht auf Mitbestimmung im Ausbildungsbetrieb und für die sozialpartnerschaftliche Gestaltung auf allen Ebenen (Curricula, Prüfung, Forschung, Praxis) der Ausbildung.

Auf der tariflichen Ebene wird ver.di auch in Zukunft für eine nachhaltige Aufwertung der sozialen Berufe streiten. Uns geht es dabei um deutlich mehr Lohn, aber auch um gesellschaftlichen Respekt, wie ihn Beschäftigten in den Kitas verdienen. Mit unserer großen Aufwertungskampagne sorgen wir dafür, dass das Thema im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit bleibt. Und natürlich sitzen wir am Verhandlungstisch, wenn es in der nächsten Tarifrunde darum geht, den Arbeitgebern Zugeständnisse abzuringen – und organisieren Protest und Streik, wenn das nicht in ausreichendem Maße gelingt.

Was wir schon erreicht haben – und wie es weitergeht

2009 und 2015 konnten wir bereits überproportionale Anhebungen der Entgelte im Sozial- und Erziehungsdienst erreichen.

Die Tarifrunde 2018 brachte die vergütete Ausbildung zunächst für die Lernenden in praxisintegrierten Ausbildungen und damit erstmals in der Geschichte der Sozialen Arbeit bezahlte Ausbildungen sowie gestufte Entgelterhöhungen und die Angleichung der Jahressonderzahlung im Tarifgebiet OST an das Westniveau.

Weiter ist es ver.di gelungen, die von den Arbeitgebern eingebrachte Kürzung der Leistungen der Zusatzversorgung im öffentlichen Dienst (Betriebsrente) abzuwehren. Beispiel: Eine Erzieherin im Alter von 43 Jahren, seit 19 Jahren im öffentlichen Dienst beschäftigt, hat bei Renteneintritt mit 67 Jahren neben der gesetzlichen Rente einen Anspruch aus der Zusatzversorgung in Höhe von ca. 800 Euro.

Für Kolleg*innen die in Einrichtungen eines kirchlichen Trägers oder eines Wohlfahrtsverbands beschäftigt sind, gelten andere, zum Teil erheblich nach unten abweichende Regelungen. Bei vielen freien Trägern, wie z.B. bei einigen Betrieben der AWO und beim DRK hat ver.di in den letzten Jahren für Tausende von Beschäftigten bereits deutliche Verbesserungen erkämpfen können und den Abstand zum TVöD deutlich verringert. Dieser Prozess wird weitergehen, bis auch die letzten Lücken geschlossen sind.

Um unseren Forderungen noch mehr Gehör verschaffen zu können, brauchen wir Dich als Mitglied!

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