Schlechte Bedingungen, um sein Bestes zu geben. Was sich im Bereich Sozialarbeit ändern muss.

Helfer*innen, brauchen bessere Bedingungen

Zu diesem Beruf muss man berufen und gut qualifiziert sein: Sozialarbeiter*innen gehen dahin, wo es wehtut, wo Menschen alleine nicht mehr klarkommen. Ob im Jugendamt oder in Schulen, in Altenheimen, in Jugendzentren, im Bereich Streetwork, in Drogenberatungsstellen, Einrichtungen für Obdachlose oder in Gefängnissen: Die Kolleg*innen begleiten, beraten, helfen und betreuen, schlichten und schützen, beugen vor und organisieren. Meinst du nicht auch, dass diese Tätigkeit eigentlich unbezahlbar wertvoll ist? Leider ist sie in der Realität aber unterbezahlt – und findet oft unter widrigen Bedingungen statt.

Personalmangel, hohe Fallzahlen und eine schlechte Bezahlung bei freien Trägern kennzeichnen den Arbeitsalltag. Die Kolleg*innen mit Fallverantwortung bekommen zu viele Fälle übertragen. ver.di fordert für den Allgemeinen Sozialen Dienst und vergleichbare Dienste eine gesetzliche Fallzahlbegrenzung auf 28 Fälle. In die aktuellen Diskussionen um die Änderung des Kinder- und Jugendhilferechtes bringen wir diese und weitere Forderungen ein.

Die steigende Armut und die gestiegenen Anforderungen im Bereich der Dokumentation erhöhen auch den Aufwand und die Arbeitsmenge. Hinter einem „Fall“ stecken oft eine ganze Familie und komplexe Problemlagen. Hinzu kommt auch, dass mit jedem Menschen dem zu helfen ist, weitere Personen und Institutionen verbunden sind: Ärzt*innen, Lehrer*innen, Vermieter*innen, Rechtsanwält*innen, Polizist*innen…

Die Folgen der Überlastung spüren alle

Die Folgen dieser Überlastung sind vielfältig und betreffen beide Seiten: Die Kolleg*innen haben zu wenig Zeit für ihre Klienten, werden krank oder erleiden einen Burn-out. Sie können ihren eigenen Ansprüchen an Analyse der Situation und fachliche Standards nicht mehr gerecht werden. Das Doppelmandat aus Helfen und Kontrollieren zehrt an den Nerven. Kein Wunder, dass im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD), der an die Jugendämter angeschlossen ist, aber auch in der stationären Jugendhilfe eine hohe Fluktuation herrscht, weil viele Mitarbeiter*innen nach kurzer Zeit den Dienst quittieren. Das aber bedeutet, dass immer wieder neue Kolleg*innen eingearbeitet werden müssen, wofür die Zeit fehlt. Ein Teufelskreis.



Aber natürlich schadet es auch den Hilfebedürftigen, wenn Entscheidungen über sie nicht mehr nach persönlichem Kontakt, sondern auf Basis des Urteils Dritter getroffen werden. Aus planvoller, persönlicher und die individuelle Perspektive angelegte Begleitung wird akute Notfallhilfe oder, schlimmer noch, Elendsverwaltung vom Schreibtisch aus. Fehlende Erfolgserlebnisse bedeuten Frustration, die Motivation schwindet.



Damit nicht genug: Es fehlt an Supervision zur Reflexion des professionellen Handelns und zur Verarbeitung des Erlebten. Wer einen Sorgerechtsentzug anordnen musste oder eine Hilfsmaßnahme nicht bewilligen konnte, streift das schließlich nach Feierabend nicht so einfach ab. Genauso wenig wie verbale oder gar physische Bedrohungen.

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Wachsende Aufgaben, geringe Budgets

Leider sind es immer nur die allerschlimmsten Unglücksfälle, die die Aufmerksamkeit von Politik und Gesellschaft auf den Notstand und die permanente Überforderung im sozialen Sektor lenken – und dann meist nur kurze Betroffenheit und kurzsichtigen Aktionismus bewirken.

Mitte Januar 2018 sorgte zum Beispiel der Fall eines, quasi unter den Augen der Behörden missbrauchten Jungen im Breisgau für Aufsehen. Vielleicht erinnern Sie sich auch noch an den Fall der elfjährigen Chantal, die 2012 in Hamburg tot aufgefunden wurde, gestorben an einer Überdosis Methadon bei ihren drogenabhängigen Pflegeeltern? Oder an die zweijährige Berlinerin Zoe, die im selben Jahr an einem Dünndarmriss starb, der eine Folge äußerer Gewaltanwendung war? An den zweijährigen Kevin, der 2006 in Bremen von seinem Ziehvater totgeprügelt wurde?



Neue Paragrafen hier, eine neue Computer-Software da, sollen die Situation verbessern. Dabei sind solche Tragödien auch Folgen einer lang anhaltenden Entwicklung: wachsende Aufgaben bei geringer werdenden öffentlichen Budgets. Seit den 1990er-Jahren steht auch die Soziale Arbeit unter zunehmendem Ökonomisierungsdruck. Hinzu kommt, dass präventive Angebote und niedrigschwellige Hilfen wie z.B. Jugendzentren oder Frauenhäuser geschlossen wurden oder ständig um eine ausreichende Finanzierung bangen müssen.


Das Ergebnis: Sozialarbeiter*innen sind zu „Notfallhelfer*innen“ geworden, die gehetzt zwischen ambulanten Helfer*innen und Behörden jonglieren und am Ende schuld sind, wenn es schiefgeht. Dann heißt es wieder: Die Sozialarbeit hat versagt!

Infografik: 500 freie Stellen kommen derzeit auf 100 Arbeitssuchende Sozialarbeiter
© ver.di
Infografik: 70 Prozent Büroarbeit, 30 Prozent direkter Kontakt zu den Klienten: ein Missverhältnis
© ver.di

Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis? Dann mal los: Der Bedarf an Sozialer Arbeit steigt

Betrachtet man alle Arbeitsfelder und Träger wird deutlich, dass vieles im Argen. Vielfach liegen die Arbeits- und Lohnbedingungen bei anderen, dem Gemeinwohl verpflichteten freien Trägern deutlich unterhalb der Tarifverträge des öffentlichen Dienstes (TVÖD bzw. TVL). So gerät die Bedeutung dieser Tarifverträge als „Leitwährung“ in Gefahr und die prekären Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu, besonders bei Teilzeitjobs und befristeten Stellen. So wird auf dem Rücken der Beschäftigten und Adressat*innen Sozialer Arbeit ein Markt und Wettbewerb zwischen gemeinnützigen Trägern und der öffentlichen Hand um Hilfeleistungen geschaffen. Zusätzlich wird versucht, professionelle Aufgaben ins Ehrenamt zu verlagern. Und dass alles vor dem Hintergrund von Lippenbekenntnissen der politisch Verantwortlichen, wie wichtig doch die Soziale Arbeit sei.

Ein bekanntes Muster: Wo prekäre Beschäftigungsverhältnisse und hohe Arbeitsbelastung zusammenkommen, sinkt der gewerkschaftliche Organisationsgrad – es fehlt schlicht die Kraft zum Protest. Im sozialen Sektor kommt oft noch eine falsch verstandene Solidarität mit den Adressat*innenhinzu: Aus Pflichtbewusstsein und Verantwortung scheuen sich Kolleg*innen, ihre Anliegen konsequent, also zur Not durch Streiks, zu vertreten – und setzen ihre Selbstausbeutung fort, bis es nicht mehr geht.

Dabei gibt es allen Grund, selbstbewusst und kämpferisch aufzutreten. Denn die Verbesserung der Arbeitsbedingungen schafft auch die Grundlage für gute Leistungen auf welche die Menschen einen Anspruch haben. Hinzu kommt, der Bedarf an Sozialarbeiter*innen steigt stetig. Und auch an Schulen wird Sozialarbeit immer wichtiger – im Sinne der Integration, der Inklusion und der Prävention. Auf 100 arbeitssuchende Sozialarbeiter kommen derzeit rund 500 freie Stellen.

Höchste Zeit, dass wir gemeinsam dafür kämpfen, dass Sozialarbeit endlich die Aufwertung erfährt, die sie verdient!

Symbolbild Sozialarbeit: Eine Frau und ein Mädchen sitzen auf einer Bank
© ver.di

Und so sollte es eigentlich sein

Sozialarbeiter*innen haben sich für einen tollen und verantwortungsvollen Beruf entschieden. Das ist gut, denn in Deutschland werden dringend Fachkräfte in der Sozialen Arbeit gebraucht, um dem steigenden Bedarf gerecht zu werden. Sie haben eine ganz konkrete Motivation: Menschen in Not zu helfen, dafür zu sorgen, dass Hilfebedürftige Auswege aus ihren Problemen finden.
Dafür verdienen sie den Respekt der Gesellschaft sowie ein den Anforderungen ihrer Arbeit angemessenes Gehalt. Aber das reicht noch nicht. Sie müssen ihre Profession so ausüben können, wie es fachlichen Standards entspricht.

Es kann nicht sein, dass Effizienzstreben und betriebswirtschaftliche Erwägungen über die zu treffenden Maßnahmen entscheiden. Statt die Kolleg*innen mit standardisierten Protokollpflichten zu gängeln, sollten die Träger ihrer Kompetenz vertrauen.

Zu fachgerechter und rechtskonformer Sozialarbeit gehört der Kontakt mit den Adressat*innen, am besten auch in „guten Zeiten“, um Vertrauen aufzubauen. Stolze Kommunikationsmeister*innen statt frustrierte Elendsverwalter*innen – würde sich dieses Berufsbild in der allgemeinen Wahrnehmung durchsetzen, wären Fluktuation und Fachkräftemangel bald behoben, und nicht zuletzt würden auch die Adressat*innen profitieren.

Was jetzt zu tun ist

Die deutsche Wirtschaft ist so stark wie lange nicht. Trotz angeblich schwächelnder Konjunktur fährt der Staat Milliardenüberschüsse ein. Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherung verzeichnen deutlich gestiegene Steuereinnahmen. Dies muss sich endlich auch in höheren Entgelten und besseren Arbeitsbedingungen für Sozialarbeiter*innen niederschlagen! Denn Geld ist genug da!

Dazu gehört zuallererst die Beseitigung des Fachkräftemangels in vielen öffentlichen Einrichtungen sowie bei den freien Trägern und Wohlfahrtsverbänden. Es müssen also Kolleginnen und Kollegen eingestellt werden, und zwar mit unbefristeten Arbeitsverträgen, nach Tarif bezahlt und nicht erzwungen in Teilzeit.

Im nächsten Schritt muss die Zahl der Fälle, die eine Fachkraft zu betreuen hat, begrenzt werden. Nur so kann die Arbeit qualitativ verbessert und zumutbar gestaltet werden. Die (wenngleich deutlich zu hohe) gesetzliche Fallzahlbegrenzung bei den Amtsvormündern zeigt, dass dies möglich ist. Dazu gehören auch regelmäßige Supervisionsangebote, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen der Verwaltung und den Fachkräften und weniger Gängelung durch standardisierte Protokoll-Pflichten.

Und schließlich gilt es, perspektivisch den Fachkräftemangel zu beheben – indem Studienplatzkapazitäten ausgebaut statt abgebaut werden und die Soziale Arbeit durch bessere Bedingungen und Bezahlung für künftige Absolvent*innen wieder attraktiver gemacht wird.

Was ver.di gemeinsam mit den Mitgliedern tun kann

Gute Arbeit braucht gute Arbeitsbedingungen! Bei ver.di verknüpfen wir berufsfachliche Interessenvertretung mit gewerkschaftlichen Themen, denn qualifizierte Arbeit können die Beschäftigte nur mit entsprechenden Rahmen- und Arbeitsbedingungen leisten. Wir sind gefordert uns für die Verbesserung der Arbeits- und Lohnbedingungen stark zu machen. Der Druck auf die Beschäftigten wird immer höher, die Aufwertung der Berufe muss weitergehen, egal ob bei Erzieher*innen, den Sozialpädagog*innen oder andere im Sozial- und Erziehungsdienst tätige Kolleg*innen. Sie brauchen mehr Lohn, mehr Anerkennung und Entlastung! Bei Arbeitsüberlastung, Arbeitsverdichtung und Stress ist die Anzeige der Überlastung gegenüber dem Arbeitgeber eine notwendige Maßnahme zum Selbstschutz der Beschäftigten. Sie dient auch der Absicherung z. B. bei strafrechtlicher Verfolgung im Falle von Kindeswohlgefährdung. ver.di hat für Leiter*innen in Tageseinrichtungen, (sozial-) pädagogische Fachkräfte und Erzieher*innen an Schulen solche Überlastungsanzeigen entwickelt; sie stehen im ver.di-Mitgliedernetz zum Download bereit. Sie sollen auch als Vorlage für andere Arbeitsfelder dienen und können leicht abgewandelt werden.


In puncto Fallzahlen mischt ver.di sich ebenfalls ein und fordert eine gesetzliche Obergrenze im Allgemeinen und Kommunalen Sozialen Dienst (ASD/KSD) von 28 Fällen pro Vollzeitkraft. Diese Positionierung beruht auf Rückmeldungen von ver.di-Kolleg*innen aus der ganzen Republik.

Seit 2009 läuft unsere Kampagne zur Aufwertung der Sozial- und Erziehungsberufe. In den zurückliegenden Tarifauseinandersetzung konnten wir nicht alle unsere materiellen Ziele durchsetzen – die Lücke ist einfach sehr groß. Aber wir haben das Thema ins Zentrum der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit gerückt und die Notwendigkeit grundlegender Neubewertungen dargelegt. 2019 haben wir mit den kommunalen Arbeitgebern Gespräche begonnen. Jetzt, in 2020 verhandeln wir wieder. Und der Abschluss im öffentlichen Dienst hat auch Auswirkungen auf die freien Träger, denn der Druck auf sie wird immer größer, wenn es uns gelingt die Löhne und die Arbeitsbedingungen im TVöD weiter zu verbessern!

Was wir schon erreicht haben – und wie es weitergeht

2009 und 2015 konnten wir bereits überproportionale Anhebungen der Entgelte für Beschäftigte in Kindertageseinrichtungen erreichen. Bezogen auf die Tätigkeiten von Sozialarbeiter*innen haben die Arbeitgeber bis zum Schluss geäußert: „Wir sehen keinen Handlungsbedarf“, und deshalb waren die Verbesserungen hier deutlich geringer. Um das zu ändern, brauchen wir Dich!

Die Tarifrunde 2018 brachte die vergütete Ausbildung zunächst für die Lernenden in praxisintegrierten Ausbildungen und damit erstmals in der Geschichte der Sozialen Arbeit bezahlte Ausbildungen sowie gestufte Entgelterhöhungen und die Angleichung der Jahressonderzahlung im Tarifgebiet OST an das Westniveau.

Weiter ist es ver.di gelungen, die von den Arbeitgebern eingebrachte Kürzung der Leistungen der Zusatzversorgung im öffentlichen Dienst (Betriebsrente) abzuwehren. Beispiel: Eine Erzieherin im Alter von 43 Jahren, seit 19 Jahren im öffentlichen Dienst beschäftigt, hat bei Renteneintritt mit 67 Jahren neben der gesetzlichen Rente einen Anspruch aus der Zusatzversorgung in Höhe von ca. 800 Euro.

Für Kolleginnen und Kollegen, die in Einrichtungen eines kirchlichen Trägers oder eines Wohlfahrtsverbands beschäftigt sind, gelten andere, zum Teil erheblich nach unten abweichende Regelungen. Bei vielen freien Trägern, wie z.B. bei einigen Betrieben der AWO und beim DRK hat ver.di in den letzten Jahren für Tausende von Beschäftigten bereits deutliche Verbesserungen erkämpfen können und den Abstand zum TVöD deutlich verringert. Dieser Prozess wird weitergehen, bis auch die letzten Lücken geschlossen sind.

Um unseren Forderungen gerade in den Arbeitsfeldern der Sozialarbeit noch mehr Nachdruck verleihen zu können, brauchen wir Dich als Mitglied!

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